Vom Bankenkonsortium zum Konzerngeschäft
Der deutsche Kartenzahlungsmarkt begann als Gemeinschaftswerk der Kreditwirtschaft. 1982 wurde die Gesellschaft für Zahlungssysteme gegründet, aus deren Aufspaltung später EURO Kartensysteme und im Jahr 2003 die Concardis hervorgingen. Parallel dazu entstand 1992 easycash, zunächst als Bereich eines Industriekonzerns. Beide Stränge waren über Jahrzehnte prägend und beide gehören heute internationalen Konzernen.
Der Übergang lief in Wellen. Zuerst kauften Finanzinvestoren die Bankentöchter, dann kauften große Zahlungsdienstleister die Finanzinvestoren aus, dann fusionierten die großen Zahlungsdienstleister untereinander. Innerhalb weniger Jahre entstanden aus einer Vielzahl mittelständischer Anbieter einige wenige europäische Konzerne, die heute den Großteil des Terminalbestands betreuen.
Das ist keine Kritik, sondern eine Beschreibung. Größe bringt in diesem Geschäft echte Vorteile: Rechenzentren, Zertifizierungen und Verfügbarkeitsgarantien kosten Geld, das sich auf viele Terminals verteilen muss. Was Größe nicht mitbringt, ist Nähe — und genau daran entscheidet sich für einen Bäcker oder eine Werkstatt der Alltag.
Die Konsolidierung im Zeitraffer
Jede Zeile ist eine öffentlich dokumentierte Unternehmenstransaktion oder Umfirmierung. Die Liste ist verkürzt und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
| Zeitpunkt | Was passiert ist |
|---|---|
| 1982 | Gründung der Gesellschaft für Zahlungssysteme (GZS) |
| 1992 | easycash entsteht als Bereich eines Industriekonzerns |
| 1997 | Aufspaltung der GZS, daraus entsteht EURO Kartensysteme |
| 2003 | Concardis wird als Acquiring-Anbieter gegründet, getragen von der Kreditwirtschaft |
| 2014 | Concardis übernimmt einen österreichischen Terminalanbieter |
| Januar 2017 | Zwei Finanzinvestoren erwerben Concardis |
| Mai 2017 | B+S Card Service und Payone werden zu BS PAYONE zusammengeführt |
| Mai 2018 | Worldline übernimmt SIX Payment Services |
| Juni 2018 | Nets übernimmt Concardis |
| Januar 2019 | Aus BS PAYONE und Ingenico Payment Services entsteht PAYONE |
| Oktober 2020 | Worldline übernimmt die Ingenico Group |
| März 2021 | Neue Gesellschafterstruktur bei PAYONE mit Worldline als Mehrheitseigner |
| Juni 2021 | Die italienische Nexi Group übernimmt die gesamte Nets-Gruppe |
| 2022 | Nexi, Nets und SIA werden zusammengeführt |
| September 2023 | Concardis firmiert in Deutschland und Österreich als Nexi |
| Juni 2026 | Worldline schließt den Verkauf einer Konzernsparte ab, weitere Verkäufe sind angekündigt |
Stand der Zusammenstellung: Sommer 2026. Unternehmensverhältnisse ändern sich; maßgeblich ist immer der aktuelle Handelsregisterstand.
Was das für einen einzelnen Händler bedeutet
Nehmen wir einen Betrieb, der 2015 einen Vertrag unterschrieben hat. Der Vertragspartner von damals ist seither möglicherweise mehrfach in andere Gesellschaften übergegangen, hat zweimal den Namen gewechselt und gehört heute einem ausländischen Konzern. Der Händler selbst hat dazu nichts getan und in der Regel auch nichts gemerkt — außer, dass irgendwann ein anderes Logo auf der Abrechnung stand.
Praktisch spürbar wird das an drei Stellen. Erstens ändern sich Ansprechpartner und Servicewege, oft ohne Ankündigung. Zweitens werden Vertragswerke und Preisverzeichnisse nach jeder Integration vereinheitlicht, was für einzelne Kunden Verbesserungen und für andere Verschlechterungen bringt. Drittens rückt die Entscheidungsebene weiter weg: Wer über die Kondition eines Betriebs mit zwei Terminals entscheidet, sitzt am Ende nicht mehr in derselben Stadt.
Deshalb ist Vertragskontinuität in diesem Markt ein echtes und kein erfundenes Argument. Wir behaupten nicht, dass große Anbieter schlechte Arbeit machen — viele machen sie technisch hervorragend. Wir sagen nur, dass ein fester Ansprechpartner, der den Betrieb kennt, in einem konsolidierten Markt seltener geworden ist.
Die Rollen, nach denen der Markt sortiert ist
In der offiziellen Dienstleisterübersicht des girocard-Systems werden Unternehmen nach diesen Kategorien geführt. Viele Anbieter tragen mehrere davon gleichzeitig.
- 01Netzbetreiber
- Betreibt das Terminalnetz und leitet die Umsätze zur Autorisierung weiter. Braucht dafür eine Zulassung der Deutschen Kreditwirtschaft, die an ein einzelnes Unternehmen vergeben und nicht übertragen werden kann.
- 02Acquirer
- Schließt mit dem Händler die Vereinbarung über die Annahme und Verarbeitung kartengebundener Zahlungsvorgänge, rechnet ab und zahlt aus.
- 03Terminalhersteller
- Entwickelt und fertigt die Geräte und lässt sie zertifizieren. Bekannte Namen sind unter anderem Ingenico, Verifone, PAX, Castles und Sunmi. Ein Hersteller ist nicht automatisch auch Netzbetreiber, und umgekehrt.
- 04Automaten und Automatenmodule
- Spezialisten für unbediente Umgebungen: Verkaufsautomaten, Parken, Waschanlagen, Ladeinfrastruktur. Ein eigener Markt mit eigenen Anforderungen an Robustheit und Integration.
- 05Kartenherausgabe
- Produktion und Ausgabe der Karten selbst. Für die Akzeptanzseite nur mittelbar relevant, gehört aber zur Vollständigkeit des Bildes.
Warum viele Anbieter Acquiring und Netzbetrieb in einem Haus bündeln
Auffällig an der Rollenübersicht ist, wie viele der großen Anbieter gleich zwei Kategorien tragen: Acquirer und Netzbetreiber. Das hat einen betriebswirtschaftlichen Grund. Wer beides selbst macht, verdient an beiden Stellen, kann Prozesse zusammenlegen und dem Händler ein einziges Paket verkaufen, in dem sich die einzelnen Bestandteile nicht mehr auseinanderrechnen lassen.
Für den Händler hat das Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist Einfachheit: ein Vertrag, eine Abrechnung, eine Hotline. Der Nachteil ist fehlende Vergleichbarkeit — wenn Acquiring und Netzbetrieb in einer Zahl verschwinden, lässt sich nicht mehr feststellen, welcher Teil zu teuer ist.
Ein kaufmännischer Netzbetreiber bündelt für den Händler dieselben Leistungen, ohne sie selbst zu betreiben. Er kauft die technische Abwicklung ein und behält Vertrag, Abrechnung und Kundenbeziehung. Das ist im Markt seit Langem etabliert; ein Anbieter in der offiziellen Dienstleisterbroschüre des girocard-Systems beschreibt sich selbst ausdrücklich so und nennt dabei auch, dass er dafür mit Terminalherstellern, Netzbetreibern und Acquirern zusammenarbeitet.
Wie groß der Markt tatsächlich ist
Belastbare Zahlen zum Terminalbestand sind erstaunlich schwer zu bekommen, weil verschiedene Erhebungen unterschiedlich zählen. Eine Marktstudie zum Stand Ende 2023 kommt auf einen Gesamtbestand von rund 1,76 Millionen installierten Terminals in Deutschland, von denen rund 1,4 Millionen tatsächlich aktiv genutzt werden.
Die Differenz ist der interessante Teil. Ein erheblicher Anteil der installierten Geräte ist inaktiv, und die Netzbetreiber selbst nennen als einen Grund ausdrücklich vergessene Terminals: Geräte, an denen keine Umsätze mehr laufen, während der Vertrag weiterläuft, weil lange Mietfristen und der Aufwand einer Kündigung die Hürde bilden. Wer noch ein zweites, nicht mehr genutztes Gerät im Lager hat, sollte in diesem Punkt einmal in seinen Vertrag sehen.
Für die Interessenlage im Markt ist das aufschlussreich. Ein Netzbetreiber verdient an einem Terminal auch dann, wenn niemand damit kassiert. Wir halten es für den besseren Weg, Geräte abzumelden, die nicht gebraucht werden — auch wenn das für uns eine Position weniger bedeutet.
Wer außer den Konzernen noch da ist
Der Branchenverband der electronic-cash-Netzbetreiber wurde 2015 gegründet und vertritt die Interessen der Netzbetreiber gegenüber Behörden, Gesetzgebern und Kartenorganisationen. Seine Mitgliederliste zeigt beim genauen Hinsehen etwas Bemerkenswertes: Mehrere Mitglieder sind gar keine Dienstleister am freien Markt, sondern Konzerngesellschaften, die den Netzbetrieb für das eigene Filial-, Tankstellen- oder Verkehrsnetz betreiben.
Das belegt nebenbei einen Punkt, der im Regelwerk ausdrücklich vorgesehen ist: Ein Händler kann die Aufgabe des Netzbetreibers auch selbst übernehmen. Für einen Konzern mit tausenden Standorten kann sich das rechnen. Für alle anderen ist es keine realistische Option — der Aufwand aus Zulassung, Rechenzentrum, Notfallmanagement und jährlichen Berichtspflichten steht in keinem Verhältnis.
Der frei am Markt agierende, unabhängige Rest ist entsprechend überschaubar. Genau in dieser Lücke bewegen sich kaufmännische Netzbetreiber: nah am Kunden, ohne den Apparat, den eine eigene Zulassung erfordert.
Häufige Fragen zum Markt
Mein Vertrag läuft noch auf einen Namen, den es nicht mehr gibt. Ist er ungültig?
Nein. Bei Verschmelzungen und Umfirmierungen gehen die Verträge auf die Nachfolgegesellschaft über, sie bleiben also wirksam. Was sich ändern kann, sind Ansprechpartner, Servicewege und mit entsprechender Ankündigung auch Bedingungen. Wer wissen will, mit wem er heute tatsächlich einen Vertrag hat, findet das im Handelsregister oder auf der aktuellen Abrechnung.
Sind große Anbieter günstiger, weil sie Skaleneffekte haben?
Nicht zwangsläufig. Größe senkt die Stückkosten, aber der Preis entsteht nicht aus den Kosten allein, sondern aus dem Wettbewerb um den einzelnen Kunden. In einem konsolidierten Markt mit wenigen Anbietern nimmt dieser Wettbewerb tendenziell ab. Am Ende hilft nur eines: das eigene Angebot durchrechnen statt der Unternehmensgröße vertrauen.
Warum veröffentlichen so wenige Anbieter ihre Preise?
Weil der Preis in diesem Geschäft aus vielen Positionen besteht und stark vom einzelnen Betrieb abhängt. Das ist ein sachlicher Grund. Er wird nur dort fragwürdig, wo mit einem Einstiegssatz geworben und der Rest erst im Vertrag sichtbar wird. Unser Weg ist ein anderer: keine Zahl auf der Website, dafür alle Positionen im Gespräch, bevor unterschrieben wird.
Wie viele zugelassene Netzbetreiber gibt es in Deutschland?
Eine vollständige, öffentlich zugängliche Zulassungsliste veröffentlicht das System nicht. Es gibt eine Dienstleisterübersicht mit Rollenzuordnung und die Mitgliederliste des Branchenverbands, beide sind aber keine amtliche Vollzähligkeit. Wir nennen deshalb keine Zahl, die wir nicht belegen können.
Ist ein kaufmännischer Netzbetreiber weniger sicher als ein zugelassener?
Nein, weil die technische Abwicklung in beiden Fällen über einen zugelassenen Netzbetreiber läuft und dieser gegenüber der Kreditwirtschaft auch für eingeschaltete Dritte einstehen muss. Der Unterschied liegt nicht in der Sicherheit, sondern darin, wer Ihr Vertragspartner ist und wen Sie erreichen, wenn etwas klemmt.